Internationales

"Willkommenskultur: Eine gemeinsame Aufgabe für Stadt und Hochschule?"

Impulsvortrag des Präsidenten des Deutschen Studentenwerks, Prof. Dr. Dieter Timmermann:

–  Es gilt das gesprochene Wort! –

"Willkommenskultur: Eine gemeinsame Aufgabe für Stadt und Hochschule?"

Für das Thema Internationalisierung gilt:

Hochschule, Stadt und Studentenwerk bilden ein strategisches Dreieck.

Eine echte Willkommenskultur zu schaffen, ist also für mich eine gemeinsame Aufgabe von Hochschule, Stadt und Studentenwerk.

Zwei Punkte sind Gradmesser der  Willkommenskultur: das Wohnen und die soziale Integration

Unsere aktuelle, 20. Sozialerhebung belegt es; die jüngst vorgestellte DAAD-Studie „Willkommenskultur für ausländische Studierende“ belegt es:

Das mit Abstand größte Problem für ausländische Studierende in Deutschland ist die Wohnungssuche.

Das sagt mehr als die Hälfte aller Bildungsausländerinnen und -ausländer. Bei den Free Movern, die immerhin 85% aller ausländischen Studierenden ausmachen, haben sogar zwei Drittel große Schwierigkeiten.

Viele ausländische Studierende haben auf dem privaten Wohnungsmarkt in unseren Hochschulstädten große Schwierigkeiten. Sie haben kein Netzwerk und machen auch Diskriminierungs-Erfahrungen.

Mit ihrer gemeinsamen Internationalisierungsstrategie wollen Bund und Länder die Zahl der ausländischen Studierenden bis zum Jahr 2020 auf 350.000 erhöhen.

Und wo sollen die wohnen?

Solange wir dieses Problem nicht ernsthaft angehen, können wir Konferenzen und Tagung zur Willkommenskultur veranstalten, so viele wie wir wollen…

Die Studentenwerke müssen in die Willkommenskultur eingebunden werden.

Immerhin sind rund ein Drittel ihrer 188.000 Wohnheimplätze von ausländischen Studierenden belegt. Das Wohnheim ist ihre bevorzugte Wohnform; 37% von ihnen leben im Wohnheim. Sie achten auf eine ausgewogene Bewohnerstruktur, um Ghettoisierung zu vermeiden, da Integration sonst nicht gelingen kann.

Die Studentenwerke leisten vielfältigste Beratungs- und Unterstützungsangebote für ausländische Studierende, zum Beispiel ihre Wohnheimtutoren-Programme auf Peer-Ebene.

Zweiter Punkt: die soziale Integration

Der mangelnde Kontakt zu deutschen Mitstudierenden, der mangelnde Kontakt zur deutschen Bevölkerung ist für ausländische Studierende eine der größten Schwierigkeiten.

Auch das belegt unsere Sozialerhebung. Hier schaffen  zum Beispiel die Tutorenprogramme der Studentenwerke Abhilfe, und auch Buddy- oder Patenprogramme, Internationale Clubs, interkulturelle Kulturveranstaltungen.

Kurz: Die Studentenwerke haben eine Schlüsselrolle bei der sozialen Integration.

Vieles davon war nur möglich durch das PROFIN-Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, koordiniert durch den DAAD.

Offen gesagt verstehen wir nicht, wieso dieses Programm  ersatzlos beendet – und parallel die Internationalisierungsstrategie von Bund und Ländern beschlossen wurde!

1. Was ist besonders wichtig bei der Zusammenarbeit von Hochschule und Studentenwerk beim Thema Willkommenskultur?

Meine Antwort, mit Blick auf die ausländischen Studierenden, in einem Begriff: koordinierte Abstimmung.

Am wichtigsten ist das beim Wohnen, bei der Unterbringung der ausländischen Studierenden. Um mögliche, kulturell bedingte Konflikte zu vermeiden, ist eine frühzeitige Abstimmung zwischen Hochschule und Studentenwerk wichtig.

Sehr gute Erfahrungen gibt es bei der institutionalisierten Form der Abstimmung zwischen Hochschule, Studentenwerk – und eben mit der Stadt! – am Beispiel der Runden Tische „Ausländerstudium“. Auch die Kommune ist hier ein ganz wichtiger Partner.

Bei den meisten Runden Tischen ist die Ausländerbehörde mit an Bord, in Köln kommt die Ausländerbehörde mit einer eigenen Infoveranstaltung in die Mensa des Kölner Studentenwerks – hier hat sich vieles getan, das ist gut!

Einige Städte, zum Beispiel Dresden oder Hamburg, haben „Welcome Center“ eingerichtet, Außenstellen der Ausländerbehörden für Hochqualifizierte aus dem Ausland. Diese Welcome Center sind nicht selbstverständlich auch für ausländische Studierende zuständig. Warum nicht? 

Auch für ausländische Studierende sollte es Welcome Centers geben. Wir müssen den Austausch mit den Ausländerbehörden der Städte intensivieren.

Auch eine Koordinierung der Kommunikation und der der Beratungsleistungen am Hochschulstandort  ist wichtig: Wer ist im deutschen Hochschulsystem wofür verantwortlich? Welche Organisationen gibt es?

Studienberatung und Akademisches Auslandsamt der Hochschule – Studienfinanzierungsberatung, Sozialberatung und psychologische Beratung des Studentenwerks – andere Beratungsdienste z.B. AStA, Hochschulgemeinden, Jugendmigrationsdienste etc.

Wie werden ausländische Studierende informiert über Tutoren- und Betreuungsprogramme, Infopoints, Cafés, interkulturelle Begrüßungs- und Informationsveranstaltungen?

Vor allem ist es wichtig, die Studierenden noch im Herkunftsland schon vor der Einreise über die dort eher unbekannte Dualität des Systems Hochschule- Studentenwerk zu informieren.

2. Wo sehe ich die größten Herausforderungen und Hindernisse?

Das größte Problem ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum für ausländische Studierende. Hier fordern wir seit langem, dass Bund und Länder eben nicht nur ambitionierte Internationalisierungsziele formulieren, sondern endlich auch gemeinsam die Soziale Infrastruktur ausbauen.

Ein weiteres Beispiel: 11% der ausländischen Studierenden, mehr als doppelt so viele wie deutsche Studierende sind Eltern – wo sollen ihre Kinder betreut werden?

Und es bedarf auch eines Bewusstseinswandels in den Köpfen aller Beteiligten. Die Haltung hin zu einer Willkommens- und Anerkennungskultur ist entscheidend.

Studierende, egal welcher Herkunft, stehen im Zentrum. Eine Neugier am Anderen, Verständnis und Akzeptanz kultureller Unterschiede, sind dabei grundlegende Voraussetzungen.

Für Hochschulen, Studentenwerke und Städte gilt: Es bedarf einer interkulturellen Öffnung, d.h. eines positiven Umgangs mit Zuwanderung und einer interkulturellen Sensibilisierung.

Und wir brauchen Sprachkompetenzen aller Mitarbeiter/innen, auch in den Verwaltungseinrichtungen. Auch bei den Studentenwerken muss hier noch etwas getan werden, dessen sind wir uns bewusst.

Und letztlich brauchen wir für all das vom Zimmer übers Integrationsprogramm bis zum Sprachkurs Geld, vor allem eine ausreichende Grund- oder Regelfinanzierung, vor allem auch bei den Studentenwerken.

Integrations- und Unterstützungsangebote für ausländische Studierende werden oftmals nur auf Basis zeitlich befristeter Projektfinanzierung, Stichwort PROFIN, durchgeführt, so dass innovative und wirksame Angebote nicht dauerhaft etabliert werden können.

3. Von welchen positiven Initiativen oder Beispielen kann ich berichten?

Vier Best Practice-Beispiele:

Das Studierendenwerk Mainz betreibt seit vielen Jahren ein sehr gut funktionierendes und mit dem Akademischen Auslandsamt der Universität abgestimmtes Unterbringungskonzept „Willkommen in der zweiten Heimat – Wohnen International“. Es wurde Ausgezeichnet mit dem Preis des Auswärtigen Amtes zur exzellenten Betreuung ausländischer Studierender 2013.

In Gießen gibt es seit langem eine sehr gute Kooperation zwischen Universität und Studentenwerk im Bereich der interkulturellen Beratung und Betreuung, manifest am Begegnungszentrum Lokal International. An der Mischfinanzierung beteiligt sind das Land Hessen, der Europäische Strukturfonds, die Universität Gießen und das Studentenwerk Gießen. Das Lokal International wurde im Jahr 2011 ausgezeichnet mit dem Preis des Auswärtigen Amtes zur exzellenten Betreuung ausländischer Studierender 2011.

Ein Modell eines Runden Tisch „Ausländerstudium“ gibt es in Hannover bereits seit 1998. Koordiniert vom Studentenwerk Hannover, sind mehrere Hochschulen daran beteiligt, auch unterschiedliche kommunale Behörden wie Arbeitsagentur, Ausländerbehörde, Stadtrat, städtische Beratungsstellen – außerdem Landesministerien und Hochschulgemeinden.

In Jena gibt es das Internationale Centrum im Haus auf der Mauer. Es bündelt an zentraler Stelle die internationale Aktivität von Uni, FH, Studentenwerk Thüringen, Studierendenvereinen. Kooperationspartner ist, und das ist mir besonders wichtig, auch die Stadt Jena. Ursprünglich ein DAAD-PROFIN-Projekt, konnte das Internationale Centrum als Kooperationsprojekt nun nachhaltig gesichert werden.

4. Meine wichtigsten Botschaften?

  • Eine echte Willkommenskultur schaffen wir in Deutschland nur im Zusammenwirken von Hochschule, Stadt und Studentenwerk.
  • Die mit Abstand größte Herausforderung für eine Willkommenskultur bleibt die Unterbringung ausländischer Studierender. Hier benötigen die Studentenwerke Ihre politische Unterstützung, meine Damen und Herren!
  • Hochschulen und Studentenwerke müssen sich, am besten gemeinsam mit den Städten, frühzeitig abstimmen und absprechen. Das ist weniger banal, als es klingt.
  • Die Studentenwerke benötigen deutlich mehr Mittel, um ihre Integrations- Beratungs- und Betreuungsangebote für ausländische Studierende ausbauen zu können.
  • Eine Willkommenskultur beginnt in den Köpfen. In den Köpfen aller, auf allen Ebenen.
02.12.2014