DSW-Jahreshauptversammlung 2014

Wanka hält Eröffnungsrede auf der MV des DSW

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ein Studium ist eine besondere Phase im Leben. Damit es gelingt, muss vieles an den Hochschulen geregelt werden. Ganz entscheidend ist aber auch, was die 58 Studentenwerke rund um das Studium leisten. Ich bin mit den Studentenwerken, mit all dem, was sie beschäftigt und bewegt, seit vielen Jahren vertraut.

Hochschulen sind das Herzstück unseres Wissenschaftssystems. Wir haben derzeit 2,7 Millionen Studierende in Deutschland, und in den nächsten Jahren erwarten wir jährlich 500.000 neue Studierende. Das ist eine große Chance. Es ist ganz wichtig, dass wir angesichts der demografischen Entwicklung diese Chance nutzen. Wir brauchen wissenschaftlichen Nachwuchs. Und jeder, der Interesse an einem Studium hat und meint, den Anforderungen gewachsen zu sein, soll auch studieren. Die Zahl der jungen Menschen, die in Deutschland leben, geht zurück. Diejenigen, die jetzt studieren, brauchen wir unbedingt in den nächsten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts. Denn sie sind dann beispielsweise Ingenieure, Rechtsanwälte, Ärzte und Architekten. Man sollte aber in keiner Weise akademische und duale Ausbildung gegeneinander ausspielen.

Fünf Aspekte sind für die Entwicklung des Wissenschaftssystems, vor allem des Hochschulsystems, in den nächsten Jahren von besonderer Bedeutung.

Erstens: Der Bund ist ein sehr verlässlicher wissenschaftspolitischer Gestalter. Das war in den vergangenen Jahren so und das wird auch in den nächsten Jahren so bleiben. Die Bundesregierung investiert in dieser Legislaturperiode neun Milliarden Euro zusätzlich in Bildung und Forschung, drei Milliarden Euro in Forschung und sechs Milliarden in Bildung. Wir haben in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) wegweisende Entscheidungen getroffen. Das war nicht immer einfach. Am 11. Dezember werden die Regierungschefinnen und -chefs von Bund und Ländern darüber abstimmen und hoffentlich zustimmen.

Wir haben uns in der GWK darauf verständigt, den Hochschulpakt bis 2020 weiterzuführen. Das ist ein milliardenschweres Paket. Der Hochschulpakt ist fast die größte Leistung, die uns in der Bundesrepublik Deutschland angesichts der demografischen Entwicklung gelungen ist. Nur durch den Hochschulpakt und damals die Initiative des Bundes war es möglich, dass angesichts der geburtenstarken Jahrgänge zusätzliche Studienanfängerplätze geschaffen wurden. In dieser Legislaturperiode wird die Zahl der Studienanfänger höher liegen, als die Kultusministerkonferenz (KMK) dies 2012 prognostiziert hat. Und das bedeutet für den Bund, dass noch einmal eine Milliarde Euro für die Finanzierung der zweiten Programmphase benötigt wird. Eine Milliarde vom Finanzminister zu bekommen, war nicht einfach, ist aber gelungen. Im Rahmen der Weiterführung des Hochschulpaktes haben wir uns für die dritte Hochschulphase darauf verständigt, dass ein Teil der Mittel für die Qualität der Lehre eingesetzt wird, damit die hohen Abbrecherquoten reduziert werden können. Wir haben im Schnitt 30 Prozent Abbrecher, in manchen Studiengängen haben wir sogar 40 oder 50 Prozent Abbrecher.

Wir haben weiterhin in diesem Hochschulpakt vereinbart, dass es unser ausdrückliches Ziel ist, die Hochschulen stärker für beruflich Qualifizierte zu öffnen. Fest steht: Wir brauchen hochqualifizierte Fachkräfte, und wir brauchen eine gut finanzierte Lehre. Ich erinnere an dieser Stelle auch an unseren Qualitätspakt Lehre. Der Qualitätspakt Lehre bringt noch einmal richtig viele hundert Millionen Euro in die Hochschulen. Wir wollen, dass in den Hochschulen damit auch neue Dinge ausprobiert werden können.

Bund und Länder haben in den vergangenen Jahren gemeinsam die Zuwendungen an die außeruniversitären Forschungseinrichtungen und auch an die Deutsche Forschungsgemeinschaft Jahr für Jahr gesteigert. Einige Bundesländer haben signalisiert, da nicht mehr mitzumachen. Die Begründung ist, dass so immer nur außeruniversitäre Einrichtungen gefördert werden. Die Hochschulen sollten jedoch leistungsstärker mitziehen können. In dieser Situation hat der Bund entschieden, dass ab 2016 die Zuwendungen an diese Organisationen jährlich um drei Prozent erhöht werden und dass der Bund diesen Aufwuchs allein, ohne Länderbeteiligung, finanzieren wird. Von 2016 bis 2020 sind das insgesamt knapp 3,9 Milliarden Euro. Das bei den Ländern frei werdende Geld kann dann den Hochschulen zur Verfügung gestellt werden.

Zweitens: Exzellenz. Sie alle wissen, was sich im Hochschulbereich durch die Exzellenzinitiative getan hat. Wir haben international an Strahlkraft gewonnen, wir haben höhere Publikationszahlen und mehr Patente. Wir haben jetzt eine Kommission eingesetzt, die sich genauer anschaut, was diese Exzellenzinitiative insgesamt für das Hochschulsystem bewirkt hat. Es geht hier unter anderem um die Frage: Welche Veränderungen hat die Exzellenzinitiative bei den erfolgreichen Universitäten bewirkt? Welche nicht-intendierten Effekte wurden durch die Exzellenzinitiative an den deutschen Universitäten ausgelöst? Und wie verhält es sich in Deutschland mit denjenigen, die nicht partizipiert haben? In Deutschland haben wir eine Expertenkommission um Professor Imboden eingesetzt. Die Erkenntnisse dieser Kommission sind wichtig für die Frage, wie wir mit der Exzellenzinitiative weitermachen. Wir haben in der GWK einen Grundsatzbeschluss dazu gefasst. Wir wollen, dass die Gelder, die jetzt für die Exzellenzinitiative verwendet werden, auch nach 2017 zur Verfügung stehen.

Drittens: Wir brauchen im Studium mehr Chancengerechtigkeit. Das, was Sie besonders bewegt, ist BAföG. Dass mir das BAföG am Herzen liegt, habe ich immer gesagt und mich dafür engagiert, auch wenn davon nichts im Koalitionsvertrag stand.

Die jetzt vom Bundestag beschlossene 25. BAföG-Novelle enthält zwei Komponenten. Das erste ist, dass der Bund ab 1. Januar 2015 das BAföG zu 100 Prozent allein übernimmt. Das bedeutet, dass die bisher als Länderanteile für die Mitfinanzierung des BAföG in den Länderhaushalten gebunden gewesenen Finanzmittel den Bundesländern voll zusätzlich zur Verfügung stehen. Damit entlastet der Bund die Länder ab 2015 dauerhaft um jährlich 1,17 Milliarden Euro. Im Gesetz steht, dass dieses Geld insbesondere für die Hochschulen verwendet werden soll. Entscheidend ist, dass es dieses Geld dauerhaft gibt. Damit kann man beispielsweise Funktions- und Nachwuchsstellen, Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter und für Professoren einrichten.

Der Bund investiert zudem in eine bessere Unterstützung der Bafög-Empfänger. Ab dem ersten vollen Wirkungsjahr 2017 stehen jährlich zusätzlich 825 Millionen Euro mehr für BAföG-Empfänger zur Verfügung. Schüler und Studierende profitieren in vielfältiger Form von der BAföG-Reform. Die Fördersätze und Elternfreibeträge werden angehoben, die monatlichen Zuverdienstgrenzen werden erhöht und der Wohnzuschlag sowie die Zuschläge für Studierende mit Kind steigen. Mir war sehr wichtig, dass die Elternfreibeträge angehoben werden. Dadurch werden wir nach den Vorausberechnungen 110.000 BAföG-Empfänger mehr haben. Die Zahl der insgesamt Geförderten wird damit im ersten Wirkungsjahr 2017 auf den höchsten Wert seit über 30 Jahren steigen. Und damit kommt mehr Arbeit auf die BAföG-Ämter der Studentenwerke zu. Die einzelnen Länder haben verschiedene Bearbeitungssysteme. Deswegen ist eine zentrale Frage: Wie kommen wir zu einer studierendenfreundlichen Lösung? Dabei kann auch das Studentenwerk aktiv werden. Die BAföG-Novelle ist eine große Novelle. Mit ihr wird ein entscheidender Schritt in Richtung stärkere Bildungsbeteiligung und Chancengerechtigkeit in Bildung und Wissenschaft getan.

Große Chancen für Bildungsaufsteiger bietet auch das Deutschlandstipendium, das wir seit drei Jahren haben. Es war damals völlig neu, dass monatlich pro Studierenden 50 Prozent der Bund gibt und 50 Prozent von Privatpersonen, von Stiftungen und von Firmen akquiriert werden. Die Zahl der Geförderten erreicht mit fast 20.000 Stipendiatinnen und Stipendiaten fast die Größenordnung der durch die Begabtenförderungswerke unterstützten Studierenden. Das Deutschlandstipendium ist gerade auch für die Menschen interessant, die eine schwierige Bildungsbiografie haben, die größere Hürden bewältigen müssen. Ich habe es erlebt, wie wichtig dieses Stipendium für Menschen ist, die in einer Familie in der ersten Generation studieren. Wenn die Eltern nicht studiert haben, sind sie oft sehr unsicher, was ein Studium betrifft. Dann ein Stipendium zu bekommen, ist für die Studierenden finanziell, aber auch psychologisch enorm wichtig und erfüllt sie und die Eltern mit Stolz. Ich persönlich habe in erster Generation in meiner Familie studiert und weiß, dass es für das Umfeld nicht immer ganz einfach ist.

Am Deutschlandstipendium-Programm beteiligen sich mittlerweile Dreiviertel der Hochschulen. Die staatlichen Hochschulen sind fast vollständig vertreten. Und die Fachhochschulen haben im vergangenen Jahr bei der Einwerbung von Mitteln sogar besser abgeschnitten als die Universitäten. An Fachhochschulen studieren traditionell viele Bildungsaufsteiger, die auf diese Weise eine besondere Chance erhalten.

Wenn ich über Chancengerechtigkeit im Studium spreche, dann bedeutet das auch, Möglichkeiten für Studierende mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu schaffen. Sie müssen in besonderer Weise bedacht und unterstützt werden. Das BMBF fördert seit 1982 die Informations- und Beratungsstelle „Studium mit Behinderung“ (IBS) mit bisher jährlich 360.000 Euro und künftig mit über 400.000 Euro pro Jahr. Die Informations- und Beratungsstelle, die beim Studentenwerk angesiedelt ist, leistet bundesweit überaus wertvolle individuelle Beratungsarbeit für Studierende. Ich möchte sie an dieser Stelle ausdrücklich loben. Und auch die Hochschulen und die Politik schätzen ihre einzigartige Fachexpertise. Es ist für uns klar, dass die Förderung des geplanten Projektes „beeinträchtigt studieren 2“ inhaltlich federführend erneut durch die IBS beim Deutschen Studentenwerk erfolgen soll. Und deswegen sind die Mittel, die wir dafür eingeplant haben, fest verankert und fließen in diesen Bereich.

Vierter Punkt: Individuelle Bildungsverläufe müssen sehr viel stärker in den Blick genommen werden, als es bisher geschah. Wir hatten vor zehn Jahren relativ homogene Studienanfängergruppen – ganz viele mit Abitur, einige wenige mit beruflicher Erfahrung. Das wird sich in den nächsten Jahren ändern. Wir haben – darüber bin ich sehr froh – sehr viele Menschen mit beruflicher Erfahrung. Wenn es um das Studieren mit Berufserfahrung geht, wurden bisher alle Landesgesetze geändert. Wenn jedoch das Gesetz geändert ist, heißt das noch lange nicht, dass es auch in der Praxis funktioniert. In diesem Punkt bitte ich Sie alle nachzudenken: Wie kann das seitens der Studentenwerke unterstützt werden? Wenn jemand mit beruflicher Qualifikation, beispielsweise als Elektromonteur, ein Studium für Maschinenbau anfängt, dann ist das für ihn erst einmal eine große Umstellung. Er braucht keine Praktika, muss aber die gesamte Theorie nachholen. Und da braucht er nicht nur Unterstützung innerhalb der Hochschule, da ist vor allem psychologische Begleitung notwendig, wenn es so genannte Durchhänger gibt. Austausch ist besonders wichtig. Und hierfür muss es entsprechende Angebote geben. Ich denke, das ist auch eine Aufgabe für das Studentenwerk, darüber nachzudenken, welche Möglichkeiten der Unterstützung es gibt.

Noch einmal zu den Studienabbrechern: Als Hochschullehrerin habe ich erlebt, dass diejenigen, die merken, sie schaffen es nicht, manchmal ein halbes Jahr brauchen, um das zu Hause zu erzählen. Es wird als persönlicher Misserfolg empfunden, und es dauert eine Weile, bis sie sich irgendwo etablieren. Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir uns um gute Lehre bemühen, damit die jungen Menschen ihr Studium erfolgreich absolvieren, dass wir aber gleichzeitig auch Angebote machen, wenn sie es nicht zu schaffen scheinen. Wir haben die Studierendenberatung in den Hochschulen. Es wäre beispielsweise gut, wenn dort einmal in der Woche jemand von den Handwerkskammern und den Industrie- und Handelskammern säße, der Studierende, die mit dem Gedanken spielen aufzuhören, berät und Signale gibt, dass verschiedene Dinge aus dem Studium angerechnet werden können. Wichtig ist auch, dass sie in der beruflichen Bildung Wertschätzung erfahren.

Es muss uns um Bildungsverläufe gehen, die individuell und in jeder Hinsicht durchlässig sein müssen, und da ist Beratung entscheidend. Hier müssen die Studentenwerke mit den Hochschulen in Kontakt treten. Ich würde mich freuen, wenn sich die Studentenwerke für dieses Thema engagieren, damit wir die Durchlässigkeit auch in der Praxis bekommen.

Fünftens: Die Hochschulen werden immer internationaler. Wir sind im Moment das drittbeliebteste Einwanderungsland für Studierende auf der ganzen Welt, nach den USA und Großbritannien. Die Zahl der ausländischen Studierenden hatte im vergangenen Wintersemester einen Höchststand. Mittlerweile machen ausländische Studierende 11,5 Prozent aller Studierenden an deutschen Hochschulen aus. Dass ausländische Studierende sich wohlfühlen und ihr Studium erfolgreich meistern, dazu trägt auch die nunmehr über zehnjährige Arbeit der vom BMBF geförderten Servicestelle „Interkulturelle Kompetenz“ (SIK) bei. Betrachtet man die Befragungen der Studierenden, die aus dem Ausland kommen, so fällt auf, dass das größte Problem die Wohnungssuche ist. Das ist ein überaus wichtiges Thema, das auch das Studentenwerk außerordentlich bewegt. Hier sind entsprechend ihrer Zuständigkeit die Länder gefordert.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn wir gezielt Maßnahmen ergreifen wollen, brauchen wir belastbare Daten zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden. Deshalb sind die Sozialerhebungen, die von Beginn an vom Bund gefördert wurden, unverzichtbar, und zwar nicht nur für die Studentenwerke, sondern auch für die Hochschulen, die Kommunen, die Länder und für die Bundesregierung. Wenn wir diese Datengrundlage nicht haben, dann ist vieles spekulativ.

Die Sozialerhebungen sind historisch und gesellschaftspolitisch hochinteressant. 1951 wurde das erste Mal statistisches Material zusammengetragen. Damals war die Studierendenschaft sehr heterogen. Es gab einen großen Anteil an Heimatvertriebenen, Spätheimkehrern, und Kriegswaisen. Das war eine sehr schwierige Situation und man brauchte dringend Daten, um zu überlegen, was man tun könne. Die Erfassung und die Auswertung dieser Daten war sehr mühselig. Später geschah das auf Lochkarten, die mittels Hollerith-Maschine sortiert und gezählt wurden. Die Zeiten haben sich geändert.

Ich freue mich, dass gegenwärtig das Deutsche Studentenwerk mit dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung die 21. Sozialerhebung vorbereitet – auch diese Studie fördert das BMBF wieder. Sie wird als Online-Befragung mit einer bisher nicht dagewesenen großen Stichprobe durchgeführt. Das braucht Vorlauf. Deshalb soll die Befragung der Studierenden im Sommersemester 2016 erfolgen.

Verehrte Damen und Herren, ich betone noch einmal: Ich weiß die Arbeit der Studentenwerke zu schätzen. Ich weiß auch, dass es große Belastungen gab, zum Beispiel die doppelten Abiturjahrgänge. Fest steht: Für die Studierenden kommt es nicht nur auf das Image der Hochschule an, sondern auch darauf, welche Angebote es rund um das Studium gibt. Ich bin überzeugt, da haben Sie alle viele gute Ideen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Mitgliederversammlung und hoffe auf gute Zusammenarbeit.

Vielen Dank.

03.12.2014