20. Sozialerhebung

Stellungnahme zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden

  1. Vorbemerkung

Das Deutsche Studentenwerk (DSW) ist der Dachverband aller 58 Studentenwerke in Deutschland. Seit 1951 erhebt es repräsentative Daten über die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland.

Die 20. Sozialerhebung des DSW wurde von HIS (heute DZHW) durchgeführt und vom BMBF gefördert.

Eine Einladung zur 20. Sozialerhebung erhielten im Sommer 2012 jede/r 27. deutsche Studierende und jede/r 18. Bildungsinländer/in. Den umfangreichen Fragebogen füllten 15.128 Studierende aus 227 Hochschulen aus; dies entspricht einer Rücklaufquote von rund 28%.

Ergebnisse der Erhebung wurden am 26.6.2013 in einer gemeinsamen Pressekonferenz von BMBF, DSW und HIS vorgestellt. Der Sonderbericht „Ausländische Studierende in Deutschland 2012" wurde am 10.1.2014 veröffentlicht.

Die 20. Sozialerhebung wurde mit Spannung erwartet, stellten sich seit der 19. Sozialerhebung 2009 doch gravierende bildungs- und gesellschaftspolitische Herausforderungen:

  • die Studierendenproteste im Winter 2009, u.a. gegen die Art der Umsetzung Bologna-Reform, führten zu einer Vielzahl von Runden Tischen an den Hochschulen sowie einer Reform der Bologna-Reform
  • die Abschaffung der allgemeinen Studiengebühren in den Bundesländern
  • die ersten doppelten Abiturjahrgänge wegen der Schulzeitkomprimierung G8/G9
  • die erhebliche Steigerung der Studierquote
  • die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht
  • die weiterhin sehr hohe Übergangsquote von Bachelor auf Master.

Obwohl diese Faktoren zum Teil zu einem sehr starken Anstieg der Studienanfänger- und Studierendenzahlen geführt haben, können die Ergebnisse der 20. Sozialerhebung eher als unspektakulär bezeichnet werden, zumal sich viele Erkenntnisse früherer Sozialerhebungen bestätigen bzw. kontinuierlich fortsetzen.

Das Deutsche Studentenwerk konzentriert sich daher in seiner Stellungnahme zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden auf vier Themenfelder, die gegenüber der 19. Sozialerhebung 2006 Unterschiede aufweisen oder weiterhin signifikant sind

  1. Bologna-Prozess

Die „Reform der Reform“ des Bologna-Prozesses zeigt 2012 erste Wirkungen, z.B. beim studentischen Zeitbudget. Die zeitliche Gesamtbelastung ist gegenüber der 19. Sozialerhebung von 2009 um zwei Stunden gesunken.

Damals wendeten die Studierenden für Studium und Nebenjob zusammen durchschnittlich 44 Stunden in der Woche auf; 2012 waren es durchschnittlich 42 Stunden (vgl. Bild 9.14 der 20. Sozialerhebung, S. 335).

Auch subjektiv ist die Belastung ist nach Aussagen der Befragten leicht gesunken (Bild 9.28, S. 357).

Ihre zeitliche Belastung durch das Studium schätzen die befragten Studierenden 2012 als

  • gering             7% (vs. 5% in 2009)
  • optimal            44% (vs. 38% in 2009)
  • hoch                36% (vs. 41% in 2009)
  • zu hoch           12% (vs. 15% in 2009)

ein.

Dennoch besteht bei Bologna weiterhin Optimierungsbedarf: 66% der Studierenden ohne Auslandsstudium erwarten z.B. eine Verlängerung des Studiums, 41% sehen die Studiengangstruktur als zu starr an, 35% der nicht ins Ausland gehenden vermuten Schwierigkeiten bei der gegenseitigen Anerkennung von Studienleistungen bei Hochschulwechsel und Auslandssemestern (Bild 5.13, S. 179)[1].

Auch stagniert die Auslandsmobilität trotz Bologna bei 30% (Bild 5.1) bzw. verlagert sich stärker in den Master, zudem hängt sie von der (Bildungs-)Herkunft ab: 21 bzw. 16% in den Herkunftsgruppen hoch/gehoben nehmen an Auslandsaufenthalten teil. gegenüber 12 bzw. 9% in den Herkunftsgruppen mittel/niedrig (Bild 5.10, S. 173).

  1. Bildungsbeteiligung

Laut mehrerer Sozialerhebungen entstammen stabil 50% der Studierenden Akademikerhaushalten (Bild 3.10 der 20. Sozialerhebung, S. 80). Dies lässt sich nur ansatzweise mit steigenden höheren Bildungsabschlüssen erklären.

Da die 20. Sozialerhebung auf einer Befragung von 2012 basiert, können mögliche Veränderungen in Folge der stark gestiegenen Übergangsquoten hier allerdings noch nicht zum Tragen kommen.

Auch ist für die Selektivität beim Hochschulzugang vor allem der Erfolg bzw. Misserfolg in den vorherigen Bildungsstufen ursächlich – rund ein Viertel der Schüler/innen geht jeweils im Übergang von der Primar- zur Sekundarstufe I, von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II, beim erfolgreichen Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung und letztlich beim Übergang in die Hochschulbildung verloren.

  1. Studienfinanzierung

Im Sommer 2012 – anderthalb Jahre nach der rückwirkend zum Herbst 2010 vollzogenen letzten BAföG-Anhebung – war die Quote der BAföG-Empfänger/innen (noch) stabil[2] (Bild 8.1, S. 285), wobei „der im Vergleich zum Sommersemester 2009 verhältnismäßig große Zuwachs an BAföG-Empfänger/innen vor allem auf eine Zunahme der Studierendenzahl insgesamt zurückzuführen“ ist (ebd).

Die Einnahmenverteilung (Bild 6.2, S. 202 ) unter den Studierenden ist weiterhin sehr gespreizt.

Durchschnittlich haben die Studierenden zwar 864 Euro monatlich zur Verfügung, der Median liegt jedoch bei 817 Euro/mtl. (Bild 6.1), und mehr als ein Viertel der Studierenden verfügt nur über Einnahmen bis zu 675 Euro/mtl., das oberste Einkommensquartil dagegen über mehr als 1.000 Euro/mtl. (S. 201 bis 203 der 20. Sozialerhebung).

Auch variiert die Zusammensetzung der monatlichen Einnahmen stark je nach Bildungsherkunft der Studierenden (Bild 6.14, S. 222).

Die Belastung durch studentische Erwerbstätigkeit sank leicht: Die Mehrheit der Studierenden (61%) jobbt in der Vorlesungszeit neben dem Studium; dafür wenden diese Studierenden im Schnitt 13 Stunden in der Woche auf. Gegenüber 2009 ist sowohl der Anteil der erwerbstätigen Studierenden (2009: 66%) als auch deren zeitlicher Umfang für die Erwerbstätigkeit gesunken (2009: 14 Stunden/Woche).

Insbesondere gab es einen Rückgang der kontinuierlichen Erwerbstätigkeit bei Studierenden aus Nichtakademikerhaushalten von 43 auf 34% (Bild 10.9, S. 380), bei mittlerer Bildungsherkunft von 40 auf ebenfalls 34%.[3] Hier zeigt sich, dass sich die Abschaffung von allgemeinen Studiengebühren positiv ausgewirkt hat.

Bei der 19. Sozialerhebung 2009 wurden die allgemeinen Studiengebühren bei 59% von den Eltern beglichen, 30% jobbten dafür (mehr) und 11% nahmen einen Kredit auf (Bild 7.20 der 19. Sozialerhebung 2009, Mehrfachnennungen)[4].

  1. Soziale Infrastruktur

Die Ergebnisse der 20. Sozialerhebung unterstreichen einmal mehr, wie die soziale Infrastruktur des Studiums den Studienerfolg und den Hochschulzugang befördert.

40% der Wohnheimbewohner/innen gehören dem unteren Einkommensquartil an und haben nur maximal 675 Euro/mtl. zur Verfügung (Bild 7.5, S. 261).

Sie können vor allem deshalb studieren, weil sie im Wohnheim geringe Mieten von durchschnittlich 240 Euro/mtl. zahlen (Bild 7.4, ebenfalls S. 261).

Da die Zahl der Studierenden insgesamt zwischen 2007 und 2014 erheblich um rund 40% gestiegen ist, die Zahl der Wohnheimplätze aber nur um 5%[5], kommt es insbesondere zu einem Engpass bei preisgünstiger Wohnraumversorgung und insoweit zu studienerschwerenden Bedingungen, vor allem beim Studienstart.[6]

Aufgrund der Schere zwischen dem Anstieg der Studierendenzahl und der nicht gleichermaßen mitwachsenden Wohnraumkapazitäten wohnen inzwischen nur noch 10% der Deutschen und Bildungsinländer/innen in Studentenwohnheimen (mit Migrationshintergrund 13%, Bild 15.14, S. 527), ebenso ist der Anteil der dort wohnenden Bildungsausländer/innen inzwischen auf 37% gesunken (Bild 5.16 der Sondererhebung der 20. Sozialerhebung: Ausländische Studierende in Deutschland 2012, S. 33[7]).

Die Mensen nutzten 2012 nur noch 82% - und nicht mehr 85% wie 2012. Auch dies ist eine Folge eines nicht zur Studierendenzahl synchron einhergehenden Mensenausbaus. Zudem ist die Taktung der Lehrveranstaltungen von Hochschulen nach der Bologna-Umstellung noch zu starr und zu eng. Obwohl die Studentenwerke ihre Öffnungszeiten ausgeweitet haben, bilden sich aufgrund gleichen Vorlesungsendes regelmäßig lange Schlangen zwischen 12.45 und 13.30 Uhr. Daher werden „zeitlich ungünstig liegende Lehrveranstaltungen“ und „Zeitmangel“ als häufigster Hinderungsgrund für den Mensabesuch genannt (z.B. bei sporadischen Nutzer/innen, Bild 12.13,, S. 445).

5% der Studierenden haben (mindestens) ein Kind. Sie sind eher ältere Studierende, im Durchschnitt 31,2 Jahre alt und sind zu 50% verheiratet. (S. 480 der 20. Sozialerhebung)

14% der Studierenden hatten eine gesundheitliche Beeinträchtigung, davon 7% mit Studienerschwernis. Von diesen 7% haben 60% eine mittlere bzw. (sehr) starke Studienerschwernis. (S. 450 der 20. Sozialerhebung)

Berlin, 11.5.2015

Gez. Achim Meyer auf der Heyde

Generalsekretär

Diese Stellungnahme können Sie in der DSW-Geschäftsstelle auch als pdf mit den verwendeten Grafiken/Bildern aus den DSW-Sozialerhebungen anfordern: 030 29 77 27 20, [email protected]

 

 

[1] So auch Empfehlung der HRK-Mitgliederversammlung zur europäischen Studienreform vom 19.11.2013 http://www.hrk.de/uploads/tx_szconvention/Empfehlung_Europaeische_Studienreform_19112013.pdf

[2] Nach der Standard-Methode (Geförderte bezogen auf alle Studierenden): 24% (vs. 2009: 23%, 2006: 23%);

Nach einer anderen Methode nur bezogen auf die Geförderten in zentralen Semestern des Studiums 32% (vs. 2009: 33%, 2006: 33%).

[3] In der 19. Sozialerhebung 2009 wurde nicht nach Bildungsherkunft, sondern sozialer Herkunft differenziert, insoweit sind die Zahlen mit der 20. Sozialerhebung 2012 nicht vergleichbar. Damals war die kontinuierliche Erwerbstätigkeit von Studierenden der niedrigen sozialen Herkunftsgruppe um 4%-Punkte von 36% (2006) auf 40% (2009) angestiegen (Bild 10.11 der 19. Sozialerhebung 2009).

[5] DSW: Wohnraum für Studierende – Statistische Übersicht 2014 (S. 23)

http://www.studentenwerke.de/sites/default/files/dsw_wohnraum_fuer_stud_2014.pdf

[6] DSW-Pressemitteilung vom 25.10.2013: HISBUS-Studie belegt schwierige Wohnsituation von Studienanfängern: Fast zwei Drittel der deutschen Studienanfängerinnen und -anfänger bewerten die Wohnungssuche zum Beginn ihres Studiums als schwierig oder sehr schwierig. http://www.studentenwerke.de/de/content/studie-belegt-schwierige-wohnsituation-von-studienanf%C3%A4ngern

12.05.2015

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