EU-Kulturprojekt

Eröffnungsrede der Abschlusskonferenz "European Citizen Campus" in Antwerpen

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrte Frau Gessler,

sehr geehrte Frau Verhaert,

liebe Marijke Seresia,

sehr geehrte Projektpartner unseres „European Citizen Campus“,

liebe Studierende aus den sechs Ländern,

sehr geehrte Künstlerinnen und Künstler,

sehr geehrte Damen und Herren aus Universitäten, Hochschulen und „Student Services“-Organisationen,

sehr geehrte Vortragende und Referierende,

sehr verehrte Gäste und Teilnehmende dieser Konferenz,

geschätzte Kolleginnen und Kollegen,

sehr geehrte Mitglieder unserer Gremien, namentlich des Vorstands des Deutschen Studentenwerks, 

 sehr geehrte Direktorinnen und Direktoren,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

und, ja, ich wage diese Adressierung:

liebe „European Citizen Campus“-Community!

Herzlich willkommen in Antwerpen, herzlich willkommen zur Abschlusskonferenz des „European Citizen Campus“.  

Danke, dass Sie gekommen sind.

Danke für Ihr Interesse an unserem gemeinsamen Projekt,

und danke für die Zeit, die Sie sich dafür nehmen. Das freut mich persönlich.

Das freut mich für das Deutsche Studentenwerk, das ich hier vertrete, und das Konsortialführer ist beim „European Citizen Campus“.

Dass Sie alle hier sind, freut mich aber ganz besonders für die Studierenden, die in den sechs Laboratorien ihre Werke geschaffen haben, und für die Künstlerinnen und Künstler, die sie dabei angeleitet und begleitet haben.

Und es freut mich für uns alle, für alle zehn am Projekt beteiligten Organisationen, die viel Zeit, Herzblut und großes persönliches Engagement in den European Citizen Campus investiert haben.

Ich glaube, schon der Eröffnungsfilm von Professor Klant und Dr. Spielmann hat gezeigt: Unser aller Engagement hat sich gelohnt.

Es hat sich gelohnt: Das sage ich nicht allein in Richtung unserer Förderer, der Europäischen Union. Die darf, ja muss das auch wissen.

Aber ich sage es aus Überzeugung, und mit Freude, und wir wollen auf dieser Konferenz erfahren und diskutieren, was die Studierenden in den sechs Laboratorien geschaffen haben.

Im Deutschen trägt diese Veranstaltung den typisch deutschen, nüchternen Titel „Abschlusskonferenz“.

Ein schöner deutscher Spruch lautet [S, hier nicht übersetzen, belassen]: „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.“

Ja, dies hier ist ein Abschluss, und zwar in dem Sinne, dass wir alle abschließend sehen, hören, erfahren, welche Ergebnisse der European Citizen Campus gezeigt hat.

Aber ich hoffe und wünsche mir von dieser Konferenz, dass die Idee, die hinter dem ECC-Projekt steht, dass der politische Impuls, den wir alle gemeinsam aussenden, dass all dies morgen eben nicht zu Ende sein wird.

Ich will die Ergebnisse unserer Diskussion nicht vorweg nehmen, aber ich hoffe und wünsche mir, dass wir vom European Citizen Campus neue Ideen für neue Projekte mit in unsere Heimatländer nehmen werden.

Ich wünsche mir, dass wir hier die retrospektive Betrachtung vielleicht um eine prospektive Dimension erweitern können.

Aber zunächst freue ich mich darauf, mit Ihnen gemeinsam, meine Damen und Herren, zu lernen und zu erfahren, wie die 144 Studierenden ihre Haltung, Ihre Botschaft, ihre Auseinandersetzung mit ihrem Status als Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union künstlerisch umgesetzt haben.

Heute und morgen erleben wir so etwas wie ein „Finale“, die Zusammenführung von sechs lokalen Ausstellungen in eine große Gesamtausstellung.

Eine Zahl habe ich schon genannt: 144 beteiligte Studierende.

  • sechs Themenkomplexe in sechs Laboratorien
  • 12 professionelle Künstlerinnen und Künstler
  • 10 Assistentinnen  und Assistenten
  • rund 150 Werke verschiedenster künstlerischer Gattungen

Im Katalog, den ich Ihnen wärmstens empfehle, können Sie das alles nachlesen. Wir alle haben das große Privileg, live und leibhaftig die Urheberinnen und Urheber der Werke erleben und auch befragen zu können.

Wir wollen die Werke des European Citizen Campus befragen auf ihre politische Botschaft hin, auf ihre künstlerische Qualität, auf ihre Anschluss- und Übertragungsfähigkeit, vielleicht auch daraufhin, was wir von ihnen lernen können.

Wir tun das im Dialog. Im Dialog mit den Studierenden selbst, mit den Künstlerinnen und Künstlern, mit Expertinnen und Experten, Wissenschaftlern, mit hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern der Politik, aber auch mit Projektbeteiligten aus zehn beteiligten Organisationen.

Allen, die heute und morgen hier auftreten, hier präsentieren, diskutieren, vortragen – Ihnen allen danke ich schon jetzt ganz herzlich für ihr Engagement!

Meine Damen und Herren, ich bin Generalsekretär eines Verbandes, dessen Mitglieder „Student Services“ betreiben. In Deutschland gehört dazu, neben den klassischen Leistungen wie Mensa, Wohnheim, Studienfinanzierung auch die kulturelle Förderung der Studierenden.

In den weiteren neun Universitäten oder Organisationen für „Student Services“, die am ECC beteiligt sind, ist das ähnlich wie bei uns in Deutschland. Es gibt also einen inhaltlichen, einen logischen Bezug unserer Alltagsarbeit zum European Citizen Campus. Aber dennoch ist dieses Projekt alles andere als alltäglich.

Drei Besonderheiten unseres ECC-Projekts will ich kurz herausstreichen:

Das Aufeinandertreffen der Diskurse

EU-Bürgerschaft künstlerisch darstellen: ein, wie ich finde, neues, hochinteressantes, ja fast kühnes Unterfangen. Den politischen Diskurs kurzschließen mit dem künstlerischen Diskurs.

Ich denke, in dieser Grundidee liegt der besondere Reiz unseres Projekts.

Wir haben für die Studierenden ein neues Forum im Medium der Kunst geschaffen, und wir bringen in die politische Debatte um die Identität der Europäischen Union die Stimme der europäischen Studierenden ein – aber eben nicht im angestammten, im üblichen Feld des politischen Diskurs, sondern über die Kunst.

Ich bin überzeugt: Diese künstlerische Herangehensweise wird den politischen, den immer wieder sehr abstrakt geführten, politischen Diskurs bereichern.

Unsere Aufgabe als Organisatoren des ECC sehe ich nicht zuletzt auch darin, diesen besonderen Impuls in unsere Länder zu tragen, eine Debatte zu initiieren, ob wir in der politischen Auseinandersetzung um Europa, um die Idee und die Identität von Europa – ob wir hierfür nicht viel stärker auf die Ausdrucksvielfalt und die Potenziale der Kunst zurückgreifen sollten.

Hand aufs Herz: Was löst es denn bei Ihnen aus, meine Damen und Herren, wenn Sie sich bewusst machen, dass Sie Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union sind? Welche Assoziationen haben Sie zuerst? Und wie würden Sie sie künstlerisch ausdrücken?

In diesen Tagen wird die Europäische Union stark, wenn nicht ausschließlich, wahrgenommen als eine Währungsunion, die in einer ernsthaften Finanzkrise steckt…. Grexit, Brexit… Da ist sehr viel „Exit“ dabei…

Was ich sagen will: Der derzeit vorherrschende EU-Diskurs ist ein finanz- und wirtschaftspolitischer, ein technokratischer Diskurs. Dabei kann und darf es nicht bleiben.

Zweiter Punkt: Das Verlassen der Komfortzone

Bei uns in Deutschland gibt es eine, wie ich finde, berechtigte Kritik am Bologna-Prozess dahingehend, dass in einem Studium auch Raum und Zeit bleiben muss für nicht-curriculare Inhalte, für politisches, soziales, künstlerisches Engagement.

Wir könnten hier lange diskutieren, ob das unter den Bedingungen von Bachelor/Master nicht genauso ermöglicht werden kann wie vorher in den alten Studiengängen.

Mein Punkt ist: Auch der Hochschuldiskurs, ganz sicher in Deutschland, ist tendenziell technokratisch. Es geht um Credit Points, Module, Anerkennungsdefizite, Mobilitätshemmnisse usw.

Wir diskutieren nicht darüber, welche Art von Bildung wir eigentlich meinen, wenn wir von Hochschulbildung sprechen. Und wir diskutieren erst recht nicht über Kulturelle Bildung im Studium.

Ich glaube, das ist ein Defizit, und gerade das große Interesse der Studierenden in den sechs beteiligten Ländern zeigt ja, dass es durchaus einen Bedarf an extra-curricularer künstlerischer Betätigung gibt – ein Interesse am Blick über den Tellerrand des eigenen Fachs, eine Lust an der Auseinandersetzung mit einem Thema nicht allein mit wissenschaftlichen Methoden.

Wissen Sie, es ist schon eigenartig, dass ich mich fast darüber freue, festzustellen, dass Studierende von heute neugierig und experimentierfreudig sind. – Und das ist weniger eine Aussage über die Studierenden, als vielmehr über den herrschenden hochschulpolitischen Diskurs und die hochschulpolitische Praxis in den europäischen Bologna-Ländern.

Nun, wir haben mit dem ECC dieser Neugier und dem Experiment ein Forum gegeben, und das ist beste Studierenden-Förderung.

Es sind ja genau eben keine Kunst-Studierenden, die sich am ECC beteiligt haben, sondern Studierende aller Fachrichtungen, die es gewagt haben, diese Fachrichtung zu verlassen und, angeleitet von „echten“ Künstlerinnen und Künstlern, selbst Kunst zu machen.

Sie haben, wenn Sie so wollen, die „Komfortzone“ eines Studienfachs eingetauscht gegen die Unsicherheit und das Neue von Kunst. Hut ab!

Die angehende Juristin tanzt, der angehende Arzt installiert, der künftige Steuerberater macht Cross-over… Ich sage: Auf solche Juristinnen, Ärzte, Steuerberater freue ich mich!

Drittens: die europäische Erfahrung

Ich bin gespannt zu erfahren, was das ECC-Projekt mit den Studierenden „gemacht“ hat, was es bei ihnen ausgelöst hat, an Denkprozessen, Reflexionen, vielleicht auch an Selbstkritik oder künftigem Engagement.

Und ich stelle mir die Frage: Was hat der European Citizen Campus mit uns gemacht?

Welche neuen Erfahrungen haben wir gemacht, in der Zusammenarbeit miteinander und untereinander? Was haben wir gelernt, was wir vielleicht gar nicht erwartet haben?

War es nicht eine zutiefst europäische Erfahrung, den European Citizen Campus in sechs Ländern Europas durchzuführen und dafür den organisatorischen Rahmen zu schaffen, die Kommunikation zu organisieren, die Bürokratie zu bewältigen (und sich nicht von ihr überwältigen zu lassen), die Idee in konkrete Werke umzusetzen?

Ich weiß, wir als beteiligte Organisationen sind und waren ja nicht die Zielgruppe – das waren die Studierenden. Aber ich vermute, wir haben über den ECC einiges über Europa und uns selbst gelernt. Auch darüber würde ich auf dieser Konferenz gerne mehr erfahren.

Meine Damen und Herren, wir haben mit dem European Citizen Campus in vielerlei Hinsicht Neuland betreten.

Neuland dadurch, dass wir die Studierenden eingeladen haben, eine politische Frage künstlerisch darzustellen.

Neuland in dem Sinne, dass wir die Studierenden eingeladen haben, ihre Fächergrenzen zu überschreiten.

Neuland auch dadurch, dass Laien sich mit Profis zusammentun, mit völlig offenem Ergebnis.

Neuland nicht zuletzt dadurch, dass wir dank der Förderung durch die Europäische Union zehn Organisationen fast zwei Jahre lang in einem Kulturprojekt zusammenfügten.

Nun lassen Sie uns gemeinsam dieses Neuland erkunden!

Ich wünsche Ihnen und uns allen eine interessante, inspirierende, spannende und an Erkenntnissen reiche Konferenz.

Vielen Dank.

25.06.2015