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Festrede

Jubiläumsveranstaltung 25 Jahre Studentenwerk Leipzig

von Prof. Dr. Dieter Timmermann, Präsident des Deutschen Studentenwerks

Ein Mann im Anzug mit Mikrofon hinter einem Rednerpult. Ich freue mich sehr, für das Deutsche Studentenwerk zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich muss gestehen: Das ist die erste „Tischrede“, die ich halte. Was tut ein deutscher Professor, wenn er etwas zum ersten Mal macht? Richtig: Er googelt.

Auf Wikipedia habe ich zum Begriff „Dinner Speech“ diese schöne Formel gefunden. “It is a public address similar to ‘Speech to Entertain’ meant to take an important topic and make greater sense of it through the use of humor.”

Also:

  • ein “important topic”: das haben wir. 25 Jahre Studentenwerk Leipzig
  • „greater sense“: müsste der Verband der Studentenwerke hinkriegen
  • „the use of humor“: Ich will’s versuchen…

Ich habe die „Stunde Null“ der Studentenwerksbewegung in den neuen Bundesländern nicht miterlebt. Ich bin kein Zeitzeuge – sorry, nobody’s perfect. Aber ich habe mir glaubhaft schildern und erzählen lassen: Der Aufbau von Studentenwerken in den neuen Bundesländern nach dem westdeutschen Modell: das war ein Kraftakt.

Ein Kraftakt inmitten einer Aufbruchstimmung, geleistet von unglaublich engagierten, motivierten Menschen – übrigens aus Ost und West.

Das Deutsche Studentenwerk hat damals übrigens, von Bonn aus,  geschickt politisch die Weichen gestellt für einen regen West-Ost-Personentransfer und West-Ost-Wissenstransfer.  Die Studentenwerke aus den alten Bundesländern haben ihre neuen Kolleginnen und Kollegen tatkräftig unterstützt.

Das hat die Studentenwerke zusammengeschweißt, und ich bin stolz, heute Präsident eines Verbandes zu sein, im welchem die leidigen Etiketten „Ossis“ und „Wessis“ keine Rolle spielen! Der Aufbau Ost von damals war getragen von Aufbruch, von Optimismus, von Vertrauen in die Zukunft. Es wurde in die Hände gespuckt.

Ich glaube, damals haben ganz viele Menschen gesagt „Wir schaffen das“ – ohne dass sie sich nachher dafür rechtfertigen oder entschuldigen mussten… Es war ein kluger und richtiger Beschluss der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR von 1990, in den fünf neuen Bundesländern Studentenwerke zu gründen.

Das „Modell Studentenwerk“ hat sich bewährt, gerade auch in den neuen Bundesländern. Paradebeispiel: das Studentenwerk Leipzig. Bedenken Sie, welche Aufbauarbeit hier geleistet wurde, wieviel Geld und Arbeit erst in die Studierendenwohnheime und dann in die Mensen gesteckt wurde!

Die BAföG-Verwaltung musste völlig neu aufgebaut werden. Ebenso die Sozialen Dienste, die es vor der Wende in Leipzig gar nicht gab – finanziert übrigens aus den Semesterbeiträgen der Studierenden. Heute steht das Studentenwerk Leipzig – Stichwort „greater sense“ – hervorragend da. Auch im bundesweiten Vergleich.

Es betreut die Studierenden

  • von vier staatlichen Universitäten und Hochschulen
  • einer staatlichen Berufsakademie
  • und vier privaten Hochschulen.

Ein Mann und eine Frau Likns neben einer Aufstellwand mit dem Aufdruck "25 Jahre Studentenwerk Leipzig" Das Studentenwerk Leipzig hat ein überaus breites Portfolio von Beratungs- und Serviceleistungen.

Erst jüngst hat die Sächsische Landesregierung die vier sächsischen Studentenwerke zum Beispiel gelobt für ihre Leistungen in Sachen Inklusion. Auf das Studentenwerk Leipzig trifft dieses Lob für sein Engagement für Studierende mit Beeinträchtigung ganz besonders zu.

Es setzt den staatlichen Sozialauftrag, den ihm der Freistaat Sachen gibt, vorbildlich um. Das Semesterticket wurde eben erfolgreich ausgeweitet auf die Studierenden aller neun Hochschulen, die das Studentenwerk Leipzig unterstützt.

Kurz: Hier in Leipzig profitieren die Studierenden, profitieren die Hochschulen, aber auch die Stadt von der  absolut modernen Sozialen Infrastruktur, die das Studentenwerk Leipzig aufgebaut hat, weiter ausbaut und betreibt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen vom Studentenwerk Leipzig: Darauf können Sie stolz sein!

Und dazu möchte ich Ihnen einfach einmal ganz herzlich gratulieren, im Namen des Deutschen Studentenwerks, aber sicher auch im Namen aller Tischgäste heute Abend: Hut ab vor Ihrer Leistung!

Nach den ersten 10, 12 intensiven Aufbaujahren kam leider eine lange Zeit der Kürzungen in Sachsen. Der Landeszuschuss an die sächsischen Studentenwerke wurde von 2001 bis 2013 um mehr als die Hälfte reduziert!

Mehr Studierende? Mehr Leistungen? Eine happige Semesterbeitragserhöhung im Jahr 2012? Aufgezehrte Rücklagen? Eine defizitäre Lage schließlich bei den Menschen, eine Million Euro Verlustvortrag?

All dies schien die damaligen Landesregierungen nicht zu kümmern. Und was taten die sächsischen Studentenwerke. Sie sind in die Offensive gegangen! Sie haben sich zusammengesetzt und gegenüber der Landes-Politik eine Informationskampagne gestartet.Und siehe: Die intensiven politischen Gespräche und Kontakte zeitigten Erfolge, erste, sachte Erfolge, und seit dem Regierungswechsel zur CDU-SPD-Koalition im Jahr 2015 ganz handfeste.

Die Landeszuschüsse wurden um 70% erhöht und damit auf ein kostendeckendes Niveau für die Mensen angehoben. Erstmals gab es auch Zuschüsse für die Sozialen Dienste. Wie die sächsischen Studentenwerke aufgetreten sind, wie sie gemeinsam agiert haben: das hat Klasse, das hat überzeugt.

Und das hatte viele positive Folgen, meine Damen und Herren:

  • mehr Sozialberatung, mehr psychologische Beratung
  • mehr Angebote für Studierende mit Kind, für Studierende mit Beeinträchtigung
  • mehr Internationalisierung
  • eine chice, schöne, barrierefreie Website …und und und

Und die Aussichten sind gut: Im kommenden Doppelhaushalt soll das Zuschussniveau erhalten bleiben; eventuell gibt es sogar einen Zuschuss für Investitionen.

Es ist toll, dass in Sachsen die unselige Entwicklung gestoppt, ja ins Gegenteil verkehrt wird, dass sich die Länder immer mehr aus der Finanzierung ihrer Studentenwerke zurückziehen. In Leipzig, in Sachsen geht es in die andere Richtung! Dafür danke ich der sächsischen Landesregierung ganz ausdrücklich.

Die deutsche Wissenschafts- und Hochschulpolitik wird bestimmt von den großen, gemeinsamen Pakten und Programmen von Bund und Ländern… die Hochschulpakte… die Exzellenzinitiative, die jetzt Exzellenzstrategie heißt… die neuen Programme für die FHs, für den wissenschaftlichen Nachwuchs…

Was wir schmerzlich vermissen, ist ein Pakt für die Soziale Infrastruktur. Hier haben Bund und Länder noch immer nicht zueinander gefunden. Schade. Aber wir lassen als Deutsches Studentenwerke nicht nach, unsererseits damit auf die Politik zuzugehen.

Wenn Sie in diesen Tagen fernsehen, Zeitung lesen oder wo auch immer online sind, werden Sie das Thema Wohnraum für Studierende sehen. Die Medien stürzen sich geradezu darauf, dass bezahlbarer Wohnraum für Studierende immer knapper wird Darauf weisen wir seit vielen Jahren hin. Die Studentenwerke benötigen dringend die gemeinsame Unterstützung von Bund und Länder, um mehr preisgünstigen Wohnraum zu schaffen. Bei den Studienplätzen geht es doch auch, warum nicht bei den Wohnheimplätzen?

Und: Die Sanierung ist genauso wichtig wie der Neubau. Wir haben, auch hier in Leipzig, konkreten Sanierungsbedarf, und auch hier sind die Studentenwerke auf staatliche Zuschüsse angewiesen. Nur so kann preisgünstiger Wohnraum für Studierende auch erhalten bleiben.

12.10.2016